Auf den ersten Blick ist der Bestseller „Vita Martini“ voller Widersprüche, wenn man ihn als historische Lebensbeschreibung liest; manch einer denkt dann, alles nur Legende. Der Professor für das Latein des 4. Jahrhunderts, Jacques Fontaine, hat 1961 einen vielseitigen Aufsatz mit dem Titel „Wahrheit und Fiktion in der Vita Martini“ veröffentlicht, der bisher nicht ins Deutsche übersetzt ist. Weil er mir geholfen hat, diese Verteidigungsschrift des Sulpicius Severus für sein großes Vorbild, den Bischof von Tours, besser zu verstehen, soll er übersetzt vielen Martinsfreunden zugänglich werden. Hier werden historische Fakten mit fiktiven Ausschmückungen vermischt, was dem Zeitgeschmack seiner Leser entgegenkommt. Dem Professor an der Sorbonne in Paris gelingt es, beides voneinander zu trennen und so die anscheinend widersprüchliche Lebensgeschichte des hl. Martin zu einer anspruchsvollen Lektüre zu machen.
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Sulpicius Severus verdanken wir alles, was wir über den hl. Martin wissen. Er war ein aquitanischer Schriftsteller, * um 363 + um 420, in klassischer Weise auf eine Beamtenlaufbahn vorbereitet, studierte vermutlich bei Ausonius Rhetorik. Nach dem frühen Tod seiner Frau lebte er als Asket, war mit dem Bischof von Tours befreundet. Er wollte über ihn ein Büchlein schreiben, weil er es für ein Unrecht hielt, wen die Verdienste eines so großen Mannes verborgen blieben:
„Da mir vieles über seinen Glauben und seinen Tugendwandel zu Ohren gekommen war, unternahm ich eine mir höchst willkommene Pilgerfahrt zu ihm. Mich beseelte damals auch der glühende Wunsch, sein Leben zu beschreiben. So forschte ich einerseits ihn selbst aus, soweit er sich ausforschen ließ, andererseits zog ich von jenen Erkundigungen ein, die bei ihm waren und ihn kannten. Er nahm mich damals mit erstaunlicher Demut und Güte auf. Er zollte mir so viel Aufmerksamkeit, dass er mich Armseligen zu seinem heiligen Mahle lud; er reichte mir dabei selbst das Wasser für die Hände und wusch mir abends eigenhändig die Füße. Unser Gespräch drehte sich um nichts anderes, als wie ich der lockenden Lust der Welt und ihrer drückenden Bürde entsagen müsse, um frei und ungehindert dem Herrn Jesus folgen zu können. Als herrliches Beispiel aus unserer Zeit stellte er uns den hochangesehenen Paulinus (von Nola) vor Augen. Dieser habe seinen gewaltigen Reichtum dahingegeben, sei Christus nachgefolgt und fast der einzige, der in unseren Tagen die Weisungen des Evangeliums befolgt habe. Diesem, so betonte er oft, müsse ich nachfolgen, diesem ähnlich werden“ (Vita, 25).
In seiner „Vita Martini“ überliefert er, was er von Martins Kindheit und Jugend, von seiner Zeit als Soldat und aus den Jahren danach bis zu seinem Wirken als Bischof von Tours weiß. Mit Gottes Hilfe gelingt seinem Helden alles, Martin ist für ihn ein apostelgleicher Bischof. Sulpicius Severus beendet seine Martins-Vita, ohne die letzten Lebensjahre mit den bedrückenden Erlebnissen in Trier zu berichten. Darüber erfahren wir erst in den drei Briefen und den drei Dialogen, die er nach Martins Tod verfasst hat. Auch in den zwei Bänden seiner Chronik (einer Weltgeschichte von der Erschaffung der Welt bis zum Jahr 404) berichtet er im 50. Kap. des 2. Bandes von Martins Eintreten für den Irrlehrer Priszillian.
Um die „Vita“ des heiligen Martin von Sulpicius Severus richtig zu verstehen, müssen wir sie wie die Bibel historisch-kritisch lesen und uns fragen: Warum und für welches Publikum hat er das Büchlein geschrieben? Welche Fragen beschäftigten damals die Christen, nachdem die Christenverfolgungen im römischen Reich gerade aufgehört hatten? Martin lebte in einer Wendezeit und passte den Bischöfen aus aristokratischem Milieu so wenig wie den asketischen Mönchen. Die „Vita“ ist als Verteidigungsrede, eine Apologie zu verstehen. In seinen Martinsschriften zeichnet Sulpicius Severus einem gebildeten Publikum seinen Helden als den Prototyp eines christlichen Bischofs, eines perfekten Heiligen. Dabei schöpft er aus seiner tiefen Kenntnis sowohl der lateinischen Schriftsteller als auch der Bibel: Die „Vita“ erinnert an klassische Kaisergeschichten, aber auch an die Märtyrergeschichten der Verfolgungszeit und ist voll von Anspielungen auf das Neue Testament. Nach unserem heutigen Verständnis ist der Verfasser kein Historiker, seine „Vita“ liefert neben historisch nachprüfbaren Fakten (vor allem nach Martins Ausscheiden aus dem Heer 356) viel Legendarisches. Mit diesem Stilmittel sollte Martin dem hochverehrten Mönchsvater Antonius, dem Gründer der Mönchsbewegung der Ostkirche als ebenbürtig dargestellt werden, diesen vielleicht sogar noch „übertreffen“. Das hat Folgen für eine gesicherte Chronologie. Zu Beginn der „Vita“ nennt Sulpicius Severus den Grund für sein Büchlein, das ein „Bestseller“ wurde und viel zur Verehrung des hl. Martin beigetragen hat: „Deshalb scheint es mir ein lohnendes Unterfangen zu sein und der Mühe wert, das Leben des hochheiligen Mannes aufzuzeichnen, das anderen bald zum Vorbild dienen wird. Dadurch werden die Leser gewiss zur wahren Weisheit, zum himmlischen Kriegsdienst (vgl. 2 Tim 2, 3) und zur gotterfüllten Tugend angespornt werden.“
Hans-Georg Reuter