Eine mittelalterliche Legende erzählt: Die Bürger von Tours wollen den alternativ lebenden Mönch aus Ligugé als Bischof haben. Der aber hält sich für unwürdig und versteckt sich in einem Gänsestall. Doch durch ihr Geschnatter verraten die Gänse Martin – und er wird Bischof von Tours. So identifiziert die Gans als Begleitfigur neben einem Bischof diesen in vielen Darstellungen gerade auf dem Land eindeutig als St. Martin. Und die Gänse die Martin verraten haben, landen europaweit um St. Martin herum bis heute lecker gebraten europaweit auf dem Tisch.
Eine plausiblere Erklärung: An Martini endet das bäuerliche Jahr: die Ernte ist eingebracht, der junge Wein kann probiert werden, das Gesinde wird entlassen und kann im nächsten Frühjahr die Herrschaft wechseln, Pachtzahlung (z.B. Gänse!) sind fällig, überzähliges Federvieh, das den Winter über nur Futter kostet, wird geschlachtet, - alles gute Gründe, einmal richtig gut zu leben. Zumal danach die sechswöchige Adventsfastenzeit beginnt. Vorher geht es nochmal richtig hoch her – wie heute noch in der Fastnachtszeit vor dem Aschermittwoch. Nicht zufällig beginnt die „fünfte Jahreszeit“ im Rheinland am 11.11.
Hans-Georg Reuter
St. Martin mit der Gans im Hochaltar der Kirche in Fell, unbekannter Künstler, vermutlich um 1865-68 angefertigt, Foto W. Raab
Dass auch die Geistlichkeit Verständnis für die Schmausereien des Christenvolkes aufbrachte, das mag ein Predigtstück des Prämonstratensers Souler zeigen:
"Jeder isst heute seine Gans, bleibt aber selber eine, wenn er nicht weiß, wieviel sich von einer Gans lernen lässt. Die Tugenden der Gans sind: Geselligkeit, Wachsamkeit, Reinlichkeit und eine gewisse Verlegenheit. Ihre Laster: Flatterhaftigkeit, Trinklust und Gefräßigkeit. Esset eine Martinsgans in Gottesfurcht, mit Dank und Zufriedenheit. Empfanget auch meinen Dank für die, die ihr mir verehrt habt, obgleich sie mehr Anlage zur Fettigkeit hätte haben können, wobei ich nur gelegentlich bemerkt habe, dass ich Gänseschmalz so hochhalte als das auserwählte Wort Gottes. Der Friede des Herrn sei mit euch und auch mit eurer Martinsgans. Gedenkt nicht bloß des Bratens, sondern vor allem der Tugenden der Gänse. Schämet euch, euch von den Gänsen übertreffen zu lassen, und ahmt ihnen nach, dazu sage ich Amen."
nach Ernst-Edgar Reimerdes